Nach den bisherigen Ausführungen könnte es zu Verunsicherungen gekommen sein über den Sinn und Zweck eines Vereins. Wenn Ziele generell die Gefahr implizieren, dem Vereinsleben zu schaden, wie überleben Vereine dann? Übertragen wir einmal den Charakter von Zielen: das etwas einem fehlt, auf den Moment einer Vereinsgründung. Sicherlich kann man sagen, dass die Gründerväter und -mütter das Ziel hatten, den Verein zu gebären, weil ihnen etwas fehlte. Dies würde jedoch das Wort überstrapazieren, weil ihr Wunsch nach Vereinsidentität keine wirklichen Entscheidungsalternativen in Aussicht stellte (keine anderen Ziele), sondern vielmehr autopoietisch Notwendigkeiten folgte, die bereits im Lernen von Schach beginnen. Zu sagen, die Vereingründer hatten das gemeinsame Ziel, einen Verein zu gründen, ist an dieser Stelle unhaltbar.

Um in der Pseudo-biologischen Sprache zu bleiben; so war es der immanente Trieb des Vereinswesens, das die Gelegenheit sah, sich selbst zu verwirklichen. Es besitzt kein konkretes Ziel, keine Schuld mit sich selbst, sondern ist ausschließlich auf Selbsterhaltung spezialisiert.

Wie ist es möglich, dass ein Verein sich selbst erhalten kann? Selbstverständlich benötigt er Körperteile, die bereit sind, für ihn zu arbeiten. Die SchachspielerInnen bieten sich an und fragen sich gleichzeitig als MitgliederInnen nach. Ein eigenes Gedächtnis mit einer eigenen Sprache sorgen dafür, dass die MitarbeiterInnen sich auch verstehen können.

Die Selbsterhaltung des Vereinswesens funktioniert jedoch nicht über planwirtschaftliche Aktivitäten der Mitglieder. Das Wachstum geschieht vielmehr mit Überraschungen und einer guten Verdauung. Das, was als Zielsetzung interpretiert wird, sind vielmehr Notwendigkeiten, die sich aus dem Verdauungsprozess ergeben. Wer eine gesunde Verdauung hat, der weiß auch, an was er sich herantrauen kann. Es ist aber nicht seine Verpflichtung, sein Medikament es auch tun zu müssen.

Dieses Gefühl der Verdauung sorgt für den Geschmack im Vereinswesen, indem es instinktiv versteht, was er zu sich nehmen muss, um gesund zu bleiben. Jedoch ist es gefährlich, diesen Geschmack von einer zentralen Instanz regulieren zu lassen, insbesondere weil ein Vereinsunternehmen ebenso eine Feldformation aufweist mit divergenten Sprecherpositionen (heterogene Kapitalverteilung). Es finden ständig philosophische Auseinandersetzungen um die "Wahrheit" des Vereinswesens statt. Was aber nicht vergessen werden darf: Ein gesunder Zustand wird sich um sein Wachstum keine Sorgen machen können, denn alles, was gesund ist, besitzt auch die Möglichkeit, neues Leben schenken zu können. Das ist sein eingefleischter Wille, seine Vision?

Comments   

0 #3 Fjodor Schäfer 2012-06-09 13:44
Lieber Thomas,
nach fast einem Jahr, und nachdem ich mir die Kommentare und die Abhandlung noch einmal durchgelesen habe, muss ich sagen, dass ich heute vieles wohl hätte anders oder gar nicht formuliert. Die Sprache von damals ist mir schon sehr befremdlich. Das scheint ein ganz natürlicher Entwicklungs- oder Reifeprozess zu sein. Das Wort, das mir zu der Zeit fehlte, war das der Gelassenheit.
Ziele sind eigentlich völlig in Ordnung und gehören zum Fortschritt dazu. Die Forderung sollte dann sein, dass man gelassen bleibt und nicht an seinem (Schach-)Leben zerbricht, wenn sie unerfüllt bleiben. Ruhig Ziele im Schach setzen, aber auch gelassen bei ihrem Ausgang sein, das sorgt wohl für die gute Verdauung von Erlebnissen.

Naja, vielleicht sag ich in einem Jahr wieder etwas anderes. :)
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0 #2 Fjodor Schäfer 2011-07-09 11:06
Hallo Thomas,
"Visionen" ist ein gutes Stichwort. Ein gesunder Optimismus hat sicherlich seinen Antrieb, ich denke aber kaum, dass er es nötig hat, seine Stärke an der Materialität von Zielen festzumachen - vorausgesetzt, es sind Schulden, die anschließend dem Spieler einen Wert geben: Erreicht / nicht erreicht, so kritisiere ich zunächst einmal die Beharrlichkeit und den Wahnsinn dahinter, dass man meint, etwas würde im Vereinsleben fehlen.
So ist zu beobachten, dass es in letzter Zeit zu einer Schuldenkollision gekommen ist, wo plötzlich Ansprüche erhoben werden. Der eine will das, der andere das usw.
Meine These ist daher, dass ein starkes (man interpretiert es fälschlich als "zielstrebiges") Gemüt jede Überraschung verkraftet, auch, wenn ein paar harte Bisse zwischendurch nötig sind. Es sind dann eher seine Visionen, die aber vielmehr den Charakter einer Prophezeiung annehmen, an die er glaubt - aber nicht an die Pflicht, diese auch erfüllen zu müssen, sie zu bezahlen.
Wo du es mit der Jugend ansprichst. Die Zweckmäßigkeit einer Gründung, so denke ich, war daher vielmehr eine Notwendigkeit, die aus einer gesunden Einstellung zum Schach stammt. Diese Notwendigkeit reproduziert sich vielmehr selbst, ohne ein bestimmtes Ziel zu verfolgen. Was gesund ist, besitzt die Möglichkeit neues Leben zu schenken. Mit einem Kalkül hat es wenig zu tun, da sich eine Hoffnung bei zwei Spielern nicht gelohnt hätte.
Also schauen wir mal, wann die nächste Schwangerschaft los geht :)

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Der Text wurde um einen weiteren Abschnitt ergänzt.
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0 #1 Thomas Nonnenmacher 2011-07-09 09:36
Hallo Fjodor,
danke für Deine theoretische Abhandlung. Fand ich sehr interessant. Im 5. Teil bin ich zwar insgesamt auch Deiner Meinung. Was allerdings fehlt in meinen Augen, sind Visionen. Als ich mit dem Jugendtraining anfing, hatte ich zwei Jugendspieler, die regelmäßig erschienen. Die erste Vision war die einer Jugendmannschaft. In dieser Saison galt nicht der Aufstieg als Plan, sondern die Anstrengung aller Jugendspieler möglichst eine gute Saison zu spielen. Das bedeutete: Komplett und mit stärkster Mannschaft anzutreten, sich maximal anzustrengen, soweit möglich Vorbereitung auf den Gegner ... Auch ohne Aufstieg, wäre die Saison super erfolgreich gewesen. Und hier liegst Du richtig: Konkrete Plazierungen zu planen würde nur belasten ... Jugendarbeit ohne Visionen wäre allerdings auch unsinnig.
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